Pondfarm/ Kazerne Haeseler

Der Anfang der Pondfarm/Haeseler Kaserne und die Kriegsjahre:
Der Hof erhielt während des Ersten Weltkrieges von den britischen Truppen den Namen Pondfarm (engl.: 'pond' = dt.: 'Teich/Tümpel'); von den Deutschen wurde er Haeseler Kaserne genannt. (Gottlieb Graf von Haeseler (1836-1919): preußischer Generalfeldmarschall; Kommandierender General des XVI. Preußischen Armeekorps bis 1903)

Auf Anordnung der örtlichen Behörden musste die Zivilbevölkerung am 20. Oktober 1914 schnellstmöglich ihre Häuser und das Dorf St. Juliaan verlassen. Wer im nördlichen und im östlichen Teil der Ortschaft wohnte, konnte bereits die deutschen Truppen heranmarschieren sehen und die Gewehrschüsse hören. Gegen Mittag begann der allgemeine Aufbruch in Richtung Ieper/Ypern und die umliegenden Dörfer, wo die Menschen Verwandte und Freunde hatten. Viele meinten es werde eine Flucht für nur wenige Tage sein; sie ließen ihre Habe in den Häusern zurück in der Annahme, schon bald heimkehren zu können.
Es kam jedoch ganz anders, denn in der darauf folgenden Nacht entbrannte die Schlacht zwischen den verfeindeten Armeen, und an eine Rückkehr nach St. Juliaan war nun nicht mehr zu denken. Bis ins entfernte Frankreich hinein mussten die Menschen in den Kriegsjahren fliehen.

 

Unten: ein Foto des Bauernhofes, dem die Deutschen den Namen Haeseler Kaserne gaben.
(Der Bauer Arseen Marant hat diesen Hof im Oktober 1914 verlassen.)

Wechselnde Besitzer während des Krieges:
− 1914 Britische Truppen (vgl. Buch Ieperboog, Slagveld België 10)
− 1915 Bei Beginn des Ersten Gasangriffes war die Pondfarm das Hauptquartier der Zweiten Kanadischen Infanteriebrigade.
− 24. April 1915 Deutsche Truppen
Im Juli 1917 verstärkten die Deutschen ihre Verteidigungslinie mit Bunkern und unterirdischen Gängen. Die Haeseler Kaserne, wie auch einige andere Höfe, wurde dadurch zu einer kleinen Festung. Es gab hier drei große (ca. 40 Meter lange) sowie mehrere kleinere deutsche Bunker, unterirdische Gänge und tiefe Kellerräume. Das Material dafür wurde zum großen Teil per Eisenbahn angeliefert; die Schienen der Schmalspurbahn verliefen in unmittelbarer Nähe hinter dem Gelände der Haeseler Kaserne. (siehe Hauptseite)

Pondfarm/Haeseler Kaserne. August 1917, Ypern.

Starke Regenfälle und heftiges Granatfeuer verwandelten die Region in einen Sumpf aus stinkendem, glitschigem, gelbem Schlamm.

- 27. April1917 Deutsche
− 31. Juli 1917 Briten; Deutsche (nur wenige Tage)
− 3. August 1917 Briten
− 22. August 1917 Briten, Gloucestershire Batallion 2/5 (siehe unten)
− 28. September 1918 Belgische Truppen (Endgültige Rückeroberung durch die Belgische Armee während ihrer erfolgreichen Schlussoffensive 1918)

Britischer Oberstleutnant, der Juli und August 1917 an zwei Angriffen auf die Pondfarm beteiligt war.

Über den Oberstleutnant sowie über die Herkunft des Fotos ist nichts weiter bekannt.

Am 22. August 1917, im Verlauf der Dritten Flandernschlacht, unternahm das Gloucester Bataillon 2/5 einen Angriff auf die Pondfarm und eroberte sie. Drei Offiziere und 16 weitere Soldaten verloren dabei ihr Leben, ein Offizier und 51 Soldaten wurden verwundet und ein Soldat galt als vermisst (laut Kriegstagebuch des Gloucester Bataillons 2/5). Ihr Befehlshaber zu dem Zeitpunkt war Oberst Collet.
Die drei gefallenen Offiziere, deren Namen im Ehrenbuch der Offiziere des Gloucester Regiments verzeichnet sind, waren:
DAVIS, Sidney Alfred, Leutnant., 25 Jahre, Ϯ 22. August 1917.
TUBBS, Seymour Burnell, Hauptmann, 28 Jahre, Ϯ 22. August 1917.
BLYTH, Alick Frederick, Oberleutnant., 20 Jahre, Ϯ 23. August 1917.
Ihre Namen sind auf dem Vermisstendenkmal des britischen Militärfriedhofes Tyne Cot verzeichnet.

Die erste Familie, die eine Rückkehr in das Dorf St. Juliaan wagte, kam am 14. Januar 1920. Jeder, der den Mut hatte, hier ein neues Leben zu beginnen, leistete echte Pionierarbeit.
Als die Zeit des Wiederaufbaus begann, teilten der Bürgermeister und der Stadtsekretär von Langemark den Rückkehrern Cyriel Petillion und Arseen Marant mit, dass die Gemeindegrenzen zwischen Langemark und Zonnebeke neu gezogen werden müssten. Infolge dessen ließen sich viele Menschen in Langemark nieder. Cyriel und Arseen sammelten bei den zurückgekehrten Bewohnern Unterschriften für den Verbleib von St. Juliaan bei Langemark und reichten diese Petition beim Bischof von Brügge ein. Der Bitte wurde stattgegeben.

Vor dem Krieg hatte Arseen Marant auf dem Prinsenhof gelebt, der während des Krieges von den Briten den Namen Border House erhielt. Dem Eigentümer dieses Hofes hatte auch die Pondfarm gehört. Da der Bauer der Pondfarm – wie so viele andere – nach dem Krieg nicht mehr zurück kehrte, beschloss der Eigentümer, nur einen Hof wieder aufzubauen: die Pondfarm. (Der heutige Hof ist ungefähr 60 Meter vom Hofgelände der Vorkriegszeit entfernt.)

Die örtlichen Behörden waren sehr darum bemüht, die verwüsteten Gebiete wieder aufzubauen – ganz und gar keine leichte Aufgabe. Zwar richtete die Regierung Hilfsfonds ein, doch Bürokratie, Material- und Geldknappheit ließen die Arbeit nur schwer vorankommen. Immer mal wieder erhielten die Menschen aber eine Vorauszahlung für den Wiederaufbau oder eine Entschädigung für den im Krieg erlittenen Verlust. In den schweren Jahren gab es auch Unterstützung in Form von Vieh, Werkzeug und Ackergerät.

Die neuen Grenzen der Pondfarm markierte Arseen Marant mit einem Pflug, gezogen von einem Pferd. Zunächst wurde dann eine Baracke aus Holz errichtet – als Baumaterial dienten Balken, die in der Umgebung herumlagen. Später wurde aus selbst hergestellten Ziegelsteinen ein Haus gebaut. Sie waren unregelmäßig geformt und oftmals beim Brennen im Stubenofen durch die Asche schwarz geworden. Erst später wurde ein neues Bauernhaus errichtet, und in dem alten Bachsteinhäuschen wurden die Landarbeiter untergebracht.
Vor dem Krieg hatte die Roeselarestraat (dt. 'Roeselarestraße') aus Kopfsteinpflaster bestanden. Nach dem Krieg war sie stark beschädigt, an vielen Stellen von Schlammlöchern unterbrochen, und sie wurde mit Holzbalken ausgebessert, um sie passierbar zu machen.

Unmittelbar nach dem Krieg lagen haufenweise kupferne Patronen- und Granathülsen, teilweise haushoch, in der Umgebung. Sie wurden von den staatlichen Behörden abtransportiert. Der örtlichen Bevölkerung war es verboten, Kupfer zu besitzen, denn es galt als sehr wertvoll. Polizisten in Zivil gingen in der Region auf Streife, um bei Kupferdiebstahl einzugreifen und die Täter festzunehmen.
Kupfersammler steckten die Felder in Brand, um die darunter liegende Muntition zur Explosion zu bringen – es war, als ob der Krieg von neuem begonnen hätte. Am darauf folgenden Tag konnte man die Hülsen einsammeln.
Auch das Wetter spielte mitunter eine Rolle, wie z.B. im sehr heißen Sommer 1921. In Gegenden, die noch nicht von Munition bereinigt worden waren, lagen Bomben und Granaten der Hitze ausgesetzt und entzündeten sich selbst. Die Region Fortuinhoek, zu der auch die Pondfarm gehört, war davon mehrfach betroffen.
Die Felder der benachbarten Gallipoli Farm lagen nach dem Krieg brach; das Gelände wurde deshalb zur Aufbewahrung und Sprengung von Munition genutzt. Häufig wurden auch Gasbomben zur Explosion gebracht. Wehte der Wind in Richtung der umliegenden Höfe, dann zog das Gas dorthin, und die Anwohner mussten sich um ihren Kaminofen versammeln, weil Feuer das Gas verdängen konnte.

Die Räumung der Munition übernahmen zum großen Teil Menschen aus der Region; bezahlt wurden sie für jeden geräumten Quadratmeter. Das gefundene Material mussten sie abends bei offiziellen Sammelstellen abgeben. Da Kufer und Eisen sehr wertvoll waren, versteckten die Arbeiter jedoch recht häufig einen Teil ihrer Funde und verkauften diese später in der Nachbarschaft.
Manch einer versuchte zudem heimlich die Munition zu öffnen. Bei dieser gefahrlichen, verbotenen Tätigkeit verloren einige ihr Leben oder verletzten sich schwer – auch noch Jahrzehnte nach dem Krieg.
Die Suche nach Überresten des Krieges und der Handel damit erwiesen sich in den Nachkrigsjahren für die heimgekehrte Bevölkerung als Hauptbeschäftigung und als wichtgste Einkommensquelle. Die Landwirtschaft kam erst an zweiter Stelle.
Nachdem die Felder von der Munition bereinigt worden waren, wurden bis 1923 zunächst nur Hafer, Erbsen und Bohnen angebaut.

Nach dem Krieg waren viele der örtlichen Bewohner überzeugt, dass es unmöglich sei, ihre Dörfer wieder aufzubauen und das Land fruchtbar zu machen. Angesichts der völligen Zerstörung und Verwüstung sind diese Bedenken nachvollziehbar. Dennoch kehrte im Laufe der Jahre das normale Leben wieder ein. Der Handel mit den Überresten des Krieges verhalf der Bevölkerung zu einem bescheidenen Wohlstand, mit dem die Eröffnung einiger neuer Gastwirtschften einher ging.
In der Wirtschaft mit dem Namen 'De Barrière' bildete der Maler Achiel Ghyselen die ganze Frontregion ab. Im Wohnhaus der Pondfarm schuf er ein Wandgemälde, das das neue Anwesen der Pondfarm darstellt.

 

 

Arseen Marant. Er lebte unverheiratet zusammen mit seiner Schwester Marie und dem Knecht Gerard Vermeulen bis 1960 auf dem Hof.

 

 

 

 

Die neuen Bewohner Frans und Agnes Butaye-Haghedooren (meine Großeltern) renovierten 1961 das Wohnhaus. Jetzt leben hier Luc und Trees Butaye-Parrein (meine Eltern) und ihre Kinder Stijn (*1988), Jonas (*1991) und Karel (*1997).

Nach dem Krieg dauerte es lange, bis die Roeselaarestraat wieder hergestellt war. Zunächst bestand sie aus Kopfsteinpflaster, das mehr und mehr einsank und deshalb später durch Asphalt ersetzt wurde. Im Zuge dieser Erneuerung kauften die Anwohner einen großen Teil der Pflastersteine auf.
Hier und dort sind sie noch immer zu sehen; auch auf der Pondfarm gibt es noch einen kleinen Weg, der damit angelegt wurde. Könnten diese Steine sprechen, dann hätten sie uns viel vom Krieg zu erzählen.

Auch jetzt finden wir hier noch immer viele Überreste des Ersten Weltkrieges.
Gegenstände aus Eisen, die bis heute in der Erde liegen, wandern nur langsam nach oben. Nach regenreichen Zeiten tauchen sie vermehrt auf. Das meiste kommt während der Kartoffelernte im Oktober sowie nach dem Pflügen im April und Mai an die Oberfläche.
Die Munition wurde früher zwei bis drei Mal pro Jahr vom Kampfmittelräumdienst (DOVO) mit Sitz in Houthulst abgeholt. Inzwischen müssen wir die Funde der örtlichen Polizei in Langemark melden. Sie kommen dann zunächst, um die Anzeige zu überprüfen; erst später kommt ggf. der Kampfmittelräumdienst. Seit 2003 erfasst die Polizei die gefundenen Munitionsreste.

Einmal jährlich dürfen wir unsere Funde melden. Seither können wir nun unsere übers Jahr gesammelte 'Ausbeute' fotografieren.
Untenstehend zwei Beispiele von Auflistungen unserer Funde sowie Fotos des Kampfmittelräumdienstes DOVO beim Abholen der Munition (am14.12.2010).

 

(Vielen Dank an Heike Aurin für die deutsche Übersetzung.)